Positiv denken versus Gefühle zulassen

Teil 2

 

Positive Gedanken – oft ein missverstandenes Prinzip

 

In all den Jahren meiner psychotherapeutischen Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die das Prinzip des positiven Denkens anwenden wollen.

 

Ich sage bewusst „wollen“ – denn oft stoßen sie an eine unsichtbare Grenze: ihre alten, festgefahrenen Denkmuster.

 

Das ist völlig normal. Von Geburt an werden wir durch die Werte, Haltungen und Entscheidungen unserer Umgebung geprägt. Manche dieser Einflüsse sind hilfreich – andere schränken uns ein, ohne dass wir es merken. In der Fachsprache nennen wir diese übernommenen inneren Stimmen und Glaubenssätze Introjekte. Sie können Halt geben, aber auch wie unsichtbare Leitplanken begrenzen.

Schönreden statt hinsehen?

 

Viele verstehen „positives Denken“ so, dass sie beunruhigende oder unangenehme Zustände einfach schönreden: „Das wird schon gut gehen.“

 

Doch dabei übergehen sie das leise Grummeln im Bauch oder drücken vermeintlich „negative“ Gefühle weg. Es ist, als würde man im dunklen Wald laut pfeifen, um die Angst zu übertönen.

Echte innere Souveränität

 

Innere Freiheit entsteht erst, wenn wir bereit sind, uns mit allen Sinnen dem zu stellen, was gerade ist – und wirklich alle Gefühle zuzulassen.


Dann beginnt der Prozess des Neubewertens und Aussortierens:

 

  • Was entspricht mir noch?
  • Was will ich überdenken?
  • Was darf gehen?

Das ist anstrengend, aber zugleich befreiend.

Viele spüren tief in sich schon lange, dass Leben eigentlich anders gehen kann.

Positives Denken – neu verstanden

 

Echtes positives Denken bedeutet für mich: In dem Moment, in dem ein Reiz kommt – vor allem, wenn er unangenehm ist – entscheide ich bewusst, wie ich reagiere.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
— Stephen R. Covey

Wenn etwas passiert, das Gefühle in mir auslöst, habe ich die Wahl, wie ich damit umgehe. Viele der Überforderungserlebnisse, die Menschen schildern, entstehen dadurch, dass wir uns unter Druck setzen, immer die „richtige“ Reaktion finden zu müssen.

Bewusste Ausrichtung

 

Eine wahrhaft positive Lebenseinstellung heißt:

Ich wähle bewusst, wohin ich meine Aufmerksamkeit und damit meine Energie richte.

 

Wer diese Fähigkeit entwickelt, lässt sich nicht mehr ablenken von Sensationsmeldungen, Horrorgeschichten oder den Dramen anderer.

 

Er bleibt bei sich, lässt seine Energie in hohen Frequenzen schwingen – und strahlt damit etwas aus, das anziehend wirkt, für sich selbst und für andere – und letztlich für eine wundervolle Welt.

© Sylvia Götting, www.allerleyraum.de

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