Haben Sie einen Therapieplatz für mich?

Neulich…

…rief mich eine Frau mit noch junger Stimme an mit der üblichen Frage:
„Haben Sie einen Therapieplatz für mich frei?“

Einer der typischen Anrufe am Montagmorgen, wenn Menschen sich am
Wochenende dazu durchgerungen haben, etwas für sich zu regeln.

Ausnahmsweise hatte ich Zeit für ein ausführlicheres Gespräch, um die Dame
darüber zu informieren, dass ich nicht mit den gesetzlichen Krankenkassen
zusammenarbeiten darf, ihr aber gerne behilflich sei. Daher erzählte ich ihr:

„Es gibt nur sehr wenige von den gesetzlichen Kassen bezahlte freie Plätze bei
ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten, weil der Bedarf in den
letzten Jahren ständig und enorm gestiegen ist. Eine Therapie in diesem
Rahmen umfasst in der Regel mindestens 25 Sitzungen, kann aber noch
verlängert werden, z. B. auf 50 Stunden. Wenn jemand regelmäßig einmal in
der Woche kommt, ist ein Platz ca. ein halbes bis ein ganzes Jahr belegt.

Wenn man auf der Suche nach einem solchen Platz ist, könnte man schnell
verzweifeln, weil man entweder nur auf Anrufbeantworter stößt oder gar
niemanden erreicht. Für jemanden, der akut in einer psychischen Misslage ist,
eine unzumutbare Belastung.“

„Ja“, stimmte sie mir zu. „Mir wurde schon gesagt, dass ich in zwei Jahren
einen Platz haben kann.“

Ich fuhr fort:
„Was viele nicht wissen: Dieser Zustand in der psychologischen
Unterversorgung ist den Krankenkassen bekannt. Wenn man nachweist, dass
ein Therapie-Platz nicht in zumutbarer Zeit zu bekommen ist, übernehmen die
Kassen die Kosten im Erstattungsverfahren. Man muss eine Liste machen,
welche Anstrengungen man unternommen hat, also aufschreiben, bei wem
man es versucht hat. Dann genehmigen die Kassen auch, dass man die Hilfe
eines Arztes oder Psychologen in Privatpraxis in Anspruch nimmt. Bei dieser
Variante muss man allerdings die Kosten in Vorleistung erbringen.“

Da ihre Stimme für mich nach einer sehr tatkräftigen und eigentlich auch
stabilen und psychisch gesunden Frau klang, wagte ich zu sagen: „Nicht
jeder, der psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, ist im klassischen Sinne
psychisch erkrankt. Dann braucht man oft nur in einer akut belastenden
Situation Unterstützung, aber nicht unbedingt eine Langzeittherapie.“

„Tja,“ antwortete die sympathische Frau. „Eigentlich fühle ich mich auch gar
nicht krank, sondern werde vom Arbeitsamt dazu gedrängt, eine Trauma
verarbeitende Therapie zu absolvieren.“

Und sie erzählte folgende Geschichte:
Sie hatte jahrelang als Säuglingsschwester gearbeitet und für ihre Nerven zu
viel an Not, Elend und Tod erlebt, um in diesem Beruf weiter arbeiten zu
können. Das hatte die Amtsärztin genauso bestätigt. Um den Familienhaushalt,
so wie es heute immer häufiger notwendig ist, trotz zweier kleiner Kinder
finanziell zu unterstützen, sei sie darauf angewiesen, selbst ein wenn auch
geringes Einkommen zu erwirtschaften.

Sie sei sich aber darüber im klaren, dass sie in diesem Beruf nicht länger
arbeiten könne und wolle.

„Mit dem alten Beruf bin ich durch. Das habe ich alles genug erlitten. Das
reicht für ein ganzes Leben.“

Eigentlich wolle sie mit einer neuen Geschäftsidee in die Selbständigkeit gehen.
Aber das werde aber vom Arbeitsamt nicht unterstützt. Für eine Umschulung
sei sie zu jung, die Therapie müsse sie wieder arbeitsfähig machen.

„Ich war ja schon eine Weile bei einer Psychologin in Köln“, erzählte sie weiter.
„Die hat aber immer nur darauf abgezielt, mein Mann müsse mich mehr
unterstützen. Und dann rief sie mich am Wochenende an, um mir eine Stelle in
der Behindertenpflege zu vermitteln. Bei der hatte ich irgendwann das Gefühl,
dass ich sagen konnte, was ich wollte, die war in ihrem eigenen Film. Ich wäre
z. B. gerne zur Kur gefahren, aber das durfte ich nur allein. Meine kleinen
Kinder sollte ich zu Hause lassen – unmöglich.“

Vor meinem geistigen Auge entstand das Bild einer Furie, die ihre Klientin nach
ihren Vorstellungen formen und offenbar auch zwingen wollte.

Das sind die Momente, wo man sehr vorsichtig sein sollte, sich zu äußern. Aber
ich war so betroffen über unser Gesellschafts-System, dass es mir entfuhr:

„Welch eine volkswirtschaftliche Verschwendung! Einerseits wird eine
fragwürdige Therapie unterstützt und bezahlt, andererseits dürfen Sie sich
beruflich nicht in eine von Ihnen erwünschte Richtung entwickeln, so wie es für
Sie gesund wäre!“

Mein Herz als Therapeutin schlug schwer.

Und so bot ich der Dame an:
„Überlegen Sie sich doch, was Sie für eine Sitzung bei mir erübrigen können,
denn ich finde: Eigen-Initiative sollte unterstützt werden. Wir werden uns
schon einig – bestimmt!“

Nachdem ich erst so sprachlos (über unser Sozialsystem) gewesen war, hörte
ich eine Weile nichts mehr aus dem Hörer.

Und dann, schniefend, kam: „Tut mir Leid, ich kann gerade gar nichts sagen.
Ihr Angebot überwältigt mich gerade. Darüber werde ich jetzt mal
nachdenken.“

Ich bin gespannt.

©Sylvia Götting, Blumenstr.9, 50259 Pulheim, www.allerleyraum.de

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